Echokammern – Fluch und Segen für die Regional- und Kommunalpolitik?

Der diesjährige Kongress Kommunale Kommunikation (kurz K3) beschäftigt sich intensiv mit dem Thema "digitale Transformation in den Kommunen". Neben der Digitalisierung von Amtsgängen spielt die zeitgemäße Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern eine zentrale Rolle.

Prof. Dr. Lutz M. Hagen ist am Donnerstag, 5. Oktober in Hemau dabei und referiert über die "Auswirkungen der Digitalkultur und der sozialen Medien auf die untersten Ebenen der Politik." Er erforscht u.a. im Auftrag des Bundesbildungsministeriums die Veränderung der politischen Kommunikation durch computergesteuerte Nachrichtenauswahl im Rahmen des Projekts "Algorithmischer Strukturwandel der Öffentlichkeit".

Wir konnten mit Prof. Hagen bereits im Vorfeld zum Kongress sprechen und spannende Informationen rund um das Thema Echokammern und Filterblasen erfahren.

 

politide: Sie forschen insbesondere zum Thema Online-Kommunikation und dem Phänomen der Echokammern/Filterblasen. Warum beschäftigen Sie sich damit? Was fasziniert Sie an diesem Thema?

Prof. Dr. Lutz M. Hagen: Die digitale Revolution verändert zur Zeit unser Mediensystem, den Journalismus und die Kommunikationsgewohnheiten ganz grundlegend und in einer enormen Geschwindigkeit. Dieser Wandel hat positive und negative Seiten. Mich interessiert vor allem, was er für das Funktionieren der Demokratie bedeutet. Als Kommunikationswissenschaftler will ich außerhalb des Elfenbeinturms wirken und dazu beitragen, dass unser Mediensystem seiner öffentlichen Aufgabe auch weiterhin gerecht werden kann, indem es zur rationalen politischen Willensbildung beiträgt.

 

Ist das Thema der selektiven Wahrnehmung erst seit der digitalen Revolution relevant?

Nein! Es ist schon lange bekannt, dass Menschen dazu neigen, Information sehr einseitig zu verarbeiten und vor allem das warhzunehmen, was den eigenen Einstellungen und Erwartungen enspricht.

 

Wie kann der Einzelne mit der Filterblase umgehen?

Es ist kein ehernes Gesetz des Internets, dass man sich in Filterblasen aufhalten muss. Die Forschung zeigt auch, dass viele Nutzer des Internets keineswegs in Filterblasen gefangen sind, sondern ihre persönlichen Netzwerke und Informationszugänge vielmehr erweitern.

 

Wie können Politiker und die Verantwortlichen in der öffentlichen Verwaltung mit Filterblasen umgehen? Können diese die Blasen verhindern?

Sie sind auf alle Fälle dafür verantwortlich und auch fähig dazu, nicht selbst in Filterblasen gefangen zu bleiben. Die Filterblasen von anderen zu überwinden ist keine einfache Aufgabe. Aber Sie ist lösbar, wenn man sich auf Öffentlichkeits- und Medienarbeit versteht.

 

Ist es realistisch, dass hyperlokale Kommunikation (also im Sinne der örtlichen/gemeindlichen Ebene) in den sozialen Medien überhaupt wahrgenommen wird?

Ja! Es gibt viele Beispiele für Gruppen oder Blogs in den Sozialen Medien, die sich mit lokalen und regionalen Themen befassen und damit auch auf eine hohe Resonanz stoßen.

 

Was kennzeichnet gute öffentliche Online-Kommunikation?

Zu den wichtigsten Qualitäten zählt der Zuschnitt auf die Bedürfnisse und Kenntnisse des jeweiligen Publikums und das Streben nach Wahrheit, Relevanz und Verständlichkeit.

 

Bürger interessieren sich generell schon für die Themen unmittelbar vor der Haustüre. Wie erreicht man die Menschen?

In dem man sich damit auseinandersetzt, was sie umtreibt und seine Politk und Kommunikation darauf ausrichtet.

 

Warum sollten gerade Kommunalpolitiker online kommunizieren? Es ist für viele nicht gelernt und auf der „untersten“ Ebene der Politik braucht es das Internet doch gar nicht, weil jeder jeden kennt.

Natürlich erleichtert das Internet die kommunikative Überbrückung von Distanzen im globalen Maßstab. Doch auch im Lokalen sind Gelegenheiten zur Kommunikation unter Anwesenden nicht selbstverständlich und die Zeit dafür wird bei vielen von uns zunehmend knapper. Das Internet bietet nicht nur die Möglichkeit gigantische Wissensressourcen unabhängig vom Standort zu erschließen. Vor allem durch seine Sozialen Netzwerke können mit geringstem Aufwand unterschiedliche Zielgruppen erreicht und Dialoge angestoßen werden.

 

Hängt die Qualität von Nachrichten mit der Sichtbarkeit in den Sozialen Netzwerken zusammen? Wie müssen dann Nachrichten beschaffen sein, um gesehen zu werden?

Wie sichtbar Nachrichten in sozialen Netzwerken sind, das hängt nicht nur von Ihrer journalistischen Qualität ab. Unterhaltsamkeit – leider auch oft Sensationalismus – spielen ebenfalls eine Rolle. Emotionen treiben die Kommunikation in den Netzen stark an. In den sogenannten Nachrichtenfaktoren, die den Aufmerksamkeitswert auch von Netznachrichten bestimmen, fließen Informationsgehalt und Unterhaltsamkeit zusammen.

 

 

Prof. Dr. Lutz M. Hagen

Nach dem BWL-Studium promovierte Lutz M. Hagen über „Informationsqualität von Nachrichten“. Seine Habilitation beschäftigt sich mit „Wechselwirkungen zwischen der Konjunkturberichterstattung und der öffentlichen Wahrnehmung von Konjunktur“. Seit 2004 lehrt er Kommunikationswissenschaft in Dresden.

Sein Forschungsschwerpunkt liegt unter anderem in der Online-Kommunikation. Aktuell forscht er mit seinen Mitarbeitern am Projekt „Algorithmischer Strukturwandel der Öffentlichkeit“, das vom Bundesbildungsministerium gefördert wird und die Veränderung der politischen Kommunikation durch computergesteuerte Nachrichtenauswahl untersucht.